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Myth Busters: “Beim Radfahren wird man nass”

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Wenn es darum geht, Menschen davon zu überzeugen, ihre alltäglichen Wege mit dem Fahrrad zu erledigen, kommt meistens ziemlich schnell das Regenargument: “Aber da wird man ja immer nass!”

Jetzt gibt es dazu ja eine ganze Menge “gefühlte Fakten” wie häufig es regnet oder eben auch nicht und vor allem wie häufig es mich dann genau auf dem Weg zur Arbeit/ Uni/ Schule/ Freizeitaktivität trifft. Deshalb wollte ich dem Ganzen mal ein bisschen echte Fakten entgegenstellen und habe angefangen meine Pendel-Wetterdaten zu erfassen.

Update 22.09.: Ich habe auch nochmal die Temperaturen ausgewertet und unter dem Artikel ergänzt.

Einfach mal ne Excel führen

Am 1. Juli 2019 habe ich einen neuen Job angefangen und damit auch die Aufzeichnung der Wetterdaten meines täglichen Pendelns mit dem Rad. Ich wohne in Münster in der Innenstadt und fahre ziemlich genau 8 km in einen Vorort ins Büro. Hin- und Rückweg sind dann 16 km. Dafür benötige ich zwischen 20 und 25 Minuten.

Zur Aufzeichnung der Daten habe ich mir eine simple Exceltabelle gebaut, in der ich jeweils für den Hin- und den Rückweg Niederschlag und Temperatur erfasse. Ein paar einfache Formeln hinterlegt und ich sehe auf einen Blick, wie häufig ich welches Wetter hatte, das Ganze auch anteilig an den Gesamttagen, die ich gependelt bin. Die Datei liegt auf dem Desktop und ist morgens der erste Handgriff (nach dem Kaffee machen): Rückweg vom Vortag und Hinweg vom aktuellen Tag eintragen.

Zahlen & Fakten

Jetzt nach einem Jahr ziehe ich Bilanz und schaue auf über 3.400km Pendeln zurück. Die erfreulichste Erkenntnis, die auch das Gefühl bestätigt: An 92% der Tage bin ich komplett trocken geblieben, das heißt weder Hin- noch Rückweg waren nass von oben.

Arbeitstage219
komplett Trocken201                               92%
Niesel6                                 3%
Schauer6                                 3%
Regen8                                 4%
Starkregen2                                 1%
Hagel0                                –  %
Schnee0                                –  %

Es gibt einige Tage, da bin ich nur auf dem Rückweg nass geworden. Das finde ich nicht so schlimm, weil wenn man sowieso Zuhause ankommt, ist es kein Problem sich in trockene Klamotten zu werfen und nasse Sachen aufzuhängen. Anders als auf dem Weg zur Arbeit, wo es problematisch werden kann, in nassen Sachen im Büro zu sitzen oder es keine Möglichkeit für Umziehen und Trocknen gibt. Wenn man diese Tage rausrechnet, sind es sogar 94% trockene Pendelstrecken.

Die beiden heftigsten Güsse waren übrigens ziemlich am Anfang der Aufzeichnungen: zwei Mal bin ich in ein dickes Sommergewitter gekommen. Schnee oder Hagel gab es im vergangenen Winter übrigens nicht einen einzigen Tag. (Klimawandel Olé!)

Zeitmanagement + Regenradar = WIN

Nun hatten wir im letzten Jahr den Dürresommer und auch in diesem Jahr gab es im Frühjahr viel zu wenig Niederschlag, es war aber beileibe nicht so, dass alle Tage an denen ich trocken ins Büro oder nach Hause gekommen sind, auch über den ganzen Tag trocken waren. Natürlich gab es Regentage, nur selten regnet es an diesen auch wirklich durchgehend. Der Trick dabei ist: Zeitmanagement und ein ein gutes Regenradar. Ich bin in der glücklichen Position relativ flexible Arbeitszeiten zu haben, 1/2 Std früher oder später anfangen oder aufhören ist problemlos möglich. Bei den Strecken die mensch täglich zurück legt, ist die Dauer die es braucht diese zu bewältigen meistens a) bekannt und b) konstant. Wenn es also einen regnerischen Tag geben soll, schaue ich morgens beim Aufstehen als erstes aufs Regenradar ob und wann sich eine Lücke ergibt. Daran passe ich dann meinen Tagesablauf an. Da muss man sich ggf. beim Frühstück ein bisschen beeilen, kommt dafür dann aber vor dem Regen trocken an. Gleiches gilt für den Feierabend. Und wenn es dann mal wirklich ununterbrochen nass ist hilft die entsprechende Regenkleidung. (Tipps gibt’s in der von Rädern Folge 17 dazu!) So schaffe ich es ziemlich zuverlässig auch an regnerischen Tagen meine Wege zur Arbeit und nach Hause trocken zu gestalten.

Es ist also mit ein bisschen vorausschauendem Handeln auch an regnerischen Tagen möglich, trocken von A nach B zu kommen. Natürlich ist sind das alles keine stichhaltigen Daten, weil sie auf einem eigenen individuellen Ablauf und Weg beruhen und ich z.B. den Luxus von Gleitzeit zu haben. Ich denke aber, dass die Tendenz trotzdem stimmt. Mehr Daten wären tatsächlich trotzdem besser. Nicht nur von mir. Deshalb an die Programmierer:innen da draußen: Wer kann ein Tool bauen (als App oder Online) wo entsprechende Wetterdaten für Pendelwege von vielen Menschen eingetragen werden können. So könnte man auch durchschnittliche Wegstrecken und Dauer in Zusammenhang mit Regen bringen. Wer da Ideen hat, gerne melden!

Fun Fact: Die Aufzeichnung für das zweite Jahr läuft natürlich weiter und ich habe festgestellt, dass ich in der ersten Woche im Juli genauso häufig nass geworden bin wie im gesamten ersten Halbjahr 2020. In Summe bin ich im Sommerhalbjahr auch häufiger nass geworden als im Winter.

Update: Temperatur: zwischen “viel zu warm” und “viel zu kalt”

Ergänzend habe ich auch immer die Außentemperaturen meiner Fahrten notiert (jeweils Hin- und Rückweg). Diese habe ich jetzt auch nochmal zusätzlich ausgewertet. Auch hier muss man sagen, dass, parallel zu dem fehlenden Schnee, es auch sein sehr milder Winter war, der nie so richtig böse unter die 0 Grad Grenze gegangen ist.

Zur Analyse habe ich den unteren Rand mit meiner “ab da müssen Handschuhe her”-Schmerzgrenze bei 5°C gezogen. Als oberen Rand 25°C, ab da wird’s dann auch bei normalem Tempo auf dem Rad schon langsam schweißtreibend. An allen Tagen war die Temperatur morgens bei der Hinfahrt kälter als auf der Rückfahrt nachmittags. An 24,7% der Tage war die Temperatur morgens unter 5°C und damit im Handschuhwetterbereich. In 10,5% der Rückfahrten war es wärmer als 25°C. Heißt im Umkehrschluss: In Fast 65% der Fahrten lag die Temperatur im “angenehmen” Bereich.

TemperaturAnzahl TageAnteil
< 5°C5424,7
> 25°C2310,5

Dabei gab es wie gesagt keine wirklich richtig bös kalten Tage, im Sommer (Danke Hitzesommer 2018 und 2019) aber einige, die deutlich über 30°C waren.

Auch hier würde ich das Fazit ziehen: Auch die Temperatur wird gefühlt häufig schlechter beurteilt, als sie es wirklich ist. Natürlich hat jedeR ein anderes Empfinden, ab wann Kälte/Hitze unangenehm werden. Ich glaube aber, dass sich die überwiegenden Pendelstrecken in einem “angenehmen” Temperaturfenster bewegen. Bei mir sind es immerhin 2/3 der Wege. Und auch für die Temperatur gilt das gleiche wie für Regen: Die entsprechende Kleidung macht es da deutlich einfacher. Details dazu auch in der von Rädern Folge. Als einfache Faustregel: Wer beim losfahren leicht friert, ist richtig angezogen.