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WDR unterwegs im Westen: Fahrrad gegen Auto

Am Montag lief im WDR Fernsehen die Reportage „Fahrrad gegen Auto: sind auf der Straße alle irre?“ in der Reihe WDR unterwegs im Westen. In der Mediathek ist der Beitrag hier zu finden.

Neben der Sichtweise eines Fahrradkuriers und einer Taxifahrerin aus Köln und der Critical Mass Wuppertal komme ich in dem Film als Radfahrer in der „Fahrradhauptstadt“ Münster vor. Das Team hat mich hier besucht, wir sind einige Runden durch die Stadt gefahren und ich habe viel davon berichtet, wieso Münster nicht der Radfahrerhimmel auf Erden ist und was passieren muss, damit es besser wird. Leider hat es nicht alles in den Beitrag geschafft, aber so ist das wohl beim Fernsehen, die Sendezeit ist begrenzt. Und wenn man das Thema Mal komplett sezieren wollte, man müsste wohl einen ganzen Thementag nur dazu machen, was hier falsch läuft.

Insgesamt gefällt mir der Beitrag gut, auch wenn ich das ständige „Rad gegen Auto – Auto gegen Rad“ irgendwie nicht mehr hören kann. Mir fehlt ein bisschen der lösungsorientierte Ansatz. Wie dem auch sei: Die Probleme werden deutlich angesprochen, es bleibt jedem selbst überlassen, sich eine Meinung dazu zu bilden.

Nichts desto trotz möchte ich im Folgenden einige Gedanken zu den Äußerungen im Film los werden und ein paar Dinge einem Faktencheck unterziehen. Ich hab mir das Ganze nochmal angeschaut und die entsprechenden Stellen kommentiert. Los gehts:

3:05 min

Wenn ein Radfahrer der Taxifahrerin aufs Autodach hauen kann, dann war der Überholabstand wohl zu gering. Niemand hat 1,50m+ lange Arme, nicht mal Michael Phelps.

Warum Kennzeichen fürs Fahrrad quatsch sind, schreibt das Urbanist Magazin sehr schön.

„Manchmal übersieht man auch schon mal einen.“
Mich gruselt, wie lapidar und gedankenlos scheinbar viel zu viele Menschen mit dieser Feststellung am Straßenverkehr teilnehmen. Das klingt wie: „Ups, da ist mir die Kaffeetasse aus der Hand gerutscht.“

3:36 min

Nebeneinander Rad fahren ist erlaubt, solange niemand behindert wird. An der Stelle ist durch die parkenden Autos die Breite der Fahrbahn zu schmal zum sicheren Überholen (Mindestabstand 1,50m), auch wenn die beiden hintereinander fahren würden, deshalb finde ich es durchaus legitim, so zu fahren. Außerdem: jedeR ist gut beraten, immer außerhalb der Dooringzone zu fahren!

5:39 min

Dieser Unfall an einem Zweirichtungsradweg zeigt, wie bekloppt diese Art der Radverkehrsführung ist. Nach StVO § 9 (3) hat der geradeaus fahrende Verkehr Vorrang. Den Autofahrer trifft daher meines Erachtens nicht nur eine Teilschuld.

8:30 min

Rückfahrkameras bei LKW entbinden übrigens nicht vom sich-Einweisen-lassen durch Dritte beim Rückwärtsfahren. Ich beobachte viel zu häufig, dass das einfach ignoriert wird.

„in den letzten Jahren“ zum Stichwort Spiegel: Nach den EU-Richlinien für Spiegel müssen LKW mit Spiegeln ausgerüstet sein, die das komplette Sichtfeld (auch den nicht existierenden „Toten Winkel“) ausleuchten müssen. Diese Pflicht gibt es seit 2003 (seit 15 Jahren) für Neufahrzeuge. Seit 2007 (seit 11 Jahren) müssen alte LKW mit diesen Spiegeln nachgerüstet sein.

„es gibt Bleche, die den Aufprall eines Radfahrers viel, viel besser absorbieren, als noch vor 20-30 Jahren.“
Wie wäre es denn, wenn es gar keinen Aufprall mehr gäbe? #VisionZero

Zum Thema Fahrradführerschein hat der gute Malte vom Blog Radverkehrspolitik kluge Dinge geschrieben (ist viel, aber lohnt!)

9:50 min

Am Rande: Es gibt seit Kurzem eine Übersicht über alle Fahrradinitiativen in Deutschland bei Changing Cities!

Die Critical Mass ist keine Demonstration.

12:50 min

„Der Platz auf der Straße wird knapper, der Verkehr nimmt zu.“
Gemeint ist hier wahrscheinlich „motorisierter Verkehr“. Dabei ist auch der Umweltverbund Verkehr und dieser sollte zunehmen, während der MIV (motorisierter Individualverkehr) abnimmt. Dann hat man auch kein Problem mit knappem Raum mehr, weil auf gleichem Raum mehr Menschen sicherer, komfortabler und schneller unterwegs sein können. Und die Städte werden auch noch lebenswerter für alle!

13:34 min

„Der Autofahrer, der einen Radfahrer überfährt, da ist der Autofahrer Schuld“
Ja, meistens. Denn 1. ist die Betriebsgefahr des Fahrzeugs beim Auto immens viel größer als beim Rad und 2. sind Autofahrende die Hauptunfallverursacher, wenn man sich die Unfallstatistiken anguckt.

„Man muss ja nicht mittig auf der Straße fahren.“
Doch, meistens ist das der logische Schluss, wenn man sich an alle Abstände hält und sicher unterwegs sein möchte. Auch hierzu hat das Urbanist Magazin was Schönes geschrieben.

Abgesehen davon: Wenn jemand ein Auto kauft, kauft er/sie nicht das Recht auf alleinige Straßenbenutzung. Autofahrende haben im Verkehr nicht mehr Rechte oder weniger Pflichten. Die Straßenverkehrsordnung gilt für alle. Nur weil man im Auto theoretisch überall in der Stadt 50km/h fahren könnte, heißt das nicht, dass man dies auch über all muss oder darf. Wenn langsamere Verkehrsteilnehmende vor einem sind, dann muss man halt warten, egal welches Verkehrsmittel.

14:00 min

Stichwort Rotlichtverstoß: Rotlichtsünder (sowohl Auto als auch Rad) sind meistens sehr gut sichtbar und alle nehmen den Verstoß wahr. Dabei fallen die vielen, vielen Anderen, die ordnungsgemäß warten, gar nicht auf. Hier sorgt ein sehr kleiner Prozentsatz von Idioten dafür, dass die Gegenseite mit Hass überschüttet wird.

„Ohne Helm, mit der Hose in den Socken“
No words needed.

Die Frage, welche Ampel für wen gilt und warum viele Menschen auf Grund der Unübersichtlichkeit und Uneinheitlichkeit dann einfach fahren wie Kraut und Rüben, hat Malte auch schon mal erklärt.

15:20 min

Stichwort Einbahnstraße: Mit der StVO Novelle von 1997 (ja, so lange ist das schon her) dürfen und sollen Einbahnstraßen für den Radverkehr in Gegenrichtung freigegeben werden, nachzulesen in der Verwaltungsvorschrift zu Zeichen 220 Einbahnstraße. Wenn dies der Fall ist, sind die Straßen mit entsprechenden Zusatzzeichen markiert. Es ist also auf den ersten Blick erkennbar, ob mit Radfahrenden in Gegenrichtung gerechnet werden muss, wenn man in eine Einbahnstraße einfährt.

Verkehrszeichen einer Einbahnstraße mit entsprechenden Zusatzzeichen für „Rad frei“

16:00 min

Stichwort Münster ist fahrradfreundlichste Stadt: Ich hab dazu nach dem letzten ADFC Klimatest schon mal was geschrieben. Gilt bis heute.

Wer sonst wissen möchte, wie „super“ es hier so läuft: Ich bin nicht umsonst in der Interessengemeinschaft Fahrradstadt Münster aktiv. In unserem Blog gibt es einiges zu dem Thema.

17:10 min

Stichwort mehr Radwege als in anderen Städten:  Die sehen dann meistens so aus und sind zu 99% benutzungspflichtig.

18:50 min

Stichwort Fehlverhalten von Radfahrenden: Vorne weg: Wer sich im Straßenverkehr falsch verhält und andere gefährdet, gehört bestraft. Aber: Ich beobachte häufig, dass es in Münster nur um Symptombekämpfung geht, anstatt Ursachen zu beheben. An sehr vielen Stellen ist die Radverkehrsführung so unintuitiv und dämlich, dass sich die Leute irgendwann eigene Wege suchen, um überhaupt klar zu kommen. Dass das manchmal dann nicht mehr legal ist, ist meiner Meinung nach der Situation geschuldet und nicht dem „Wir haben ja alle so viel Stress“. Anstatt also 3 Stunden lang auf 8 Radfahrsünder zu warten, könnte man sich auch angucken, warum die Menschen falsch fahren und die Ursache beheben. Vor allem in Bezug auf Geisterradler und Gehwegradeln wäre es vielleicht interessant, sich Ziel- und Quellverkehre anzugucken (z.B. an Supermärkten) und dann zu schauen, ob die Verkehrsführung vor diesem Hintergrund überhaupt Sinn macht oder nicht viel mehr zum Fehlverhalten provoziert.

19:58 min

Der Münsteraner Hauptbahnhof ist ein Paradebeispiel für das vollständige Scheitern der Verkehrsplanung mit dem Ziel- und Quellverkehr.

Nochmal: Die Fragwürdigkeit von solchen Kontrollen, vor dem Hintergrund, dass eine Studie der UDV ergeben hat, dass ein Drittel der Autofahrenden beim Rechtsabbiegen keinen Schulterblick machen und sogar 51% zwar gucken, aber trotzdem fahren.

Quelle: UDV Unfallforschung kompakt – Verbesserung der Verkehrssicherheitin Münster, S. 13

22:00 min

Die Aussage des Polizisten das OWI-Anzeigen mit einem Punkt verbunden sind, wird durch den Sprecher im Off ergänzt durch den Zusatz „das gilt auch für Menschen ohne Führerschein“. Hätte ich mir an anderen Stellen auch gewünscht, dass offensichtliche Falschaussagen mit Fakten korrigiert werden.

22:20 min

Die CM ist immer noch keine Demo, Mitfahrende sind keine Demonstranten.

23:00 min

Der Paragraph 27 StVO sagt nicht, dass über rote Ampeln gefahren werden darf. Nur wenn die Spitze des Verbandes bei grün fährt und die Ampel umspringt, darf der Verband weiter fahren.

25:09 min

„Jeder besteht drauf, ich geh jetzt hier über den Zebrastreifen.“
Ja, das ist der Sinn von Zebrastreifen. Fußgänger haben Vorrang an Fußgängerüberwegen (StVO § 26). Kopf -> Tisch.

27:50 min

„Wie soll Köln funktionieren ohne Autos, nur noch mit Fahrrädern?“
Wer sagt das? Es geht erstmal um weniger, nicht um gar keine Autos, außerdem ist viel Umweltverbund gut für eine Stadt, auch für die Händler. Dazu hat Daniel was geschrieben.

„Warum hat der Radfahrer so einen hohen Stellenwert?“
Tja, kein Lärm, keine Emissionen, geringer Platzverbrauch (beim Fahren und Parken), Gesundheit, Kommunikation, schönes Straßenbild, glückliche Menschen, florierender Handel, positive Kosten-Nutzen Bilanz. Ausgerechnet von Copenhagenize:

1km auf dem Fahrrad bringt der Gesellschaft 26 Cent ein. 1km im Auto kostet die Gesellschaft 89 Cent. Quelle: Copenhagenize

 

Zu dem ganzen Kram hab ich auch noch was im WDR 2 Interview erzählt:

 

 

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  1. Hallo Simon,

    ich habe den Film gesehen und kann Deinen Anmerkungen nur zustimmen. Bei manchen Aussagen der Taxifahrerin haben sich mir teilweise echt die Nackenhaare gesträubt.

    Gruß aus Augsburg
    Andreas

  2. Tja, die gute Taxifahrerin hat möglciherweise kein Schuldbewußtsein noch reflektiert sie ihr Verhalten. Hat sie schon mal über zu engem Abstand zu Radfahrenden nachgedacht??? Die müßten öfter mit dem Rad durch die Stadt fahren!

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