Im Untertitel dieses Blogs heißt es, ich blogge über urbanes Leben und Radverkehr. Das hängt zwar beides zusammen, bislang habe ich mich allerdings eher aufs Radfahren konzentriert. Deshalb jetzt mal ein Artikel über urbanes Leben, Lebensqualität in der Stadt und die Frage nach der Generationengerechtigkeit.

Aber von vorne: Beruflich war ich am vergangenen Mittwoch beim Fachtag „Älter werden in Münster“. Das Sozialamt hatte geladen, um sich mit Experten darüber auszutauschen, wie es um das „Älter werden“ in unserer Stadt bestellt ist. Schwerpunkt des Tages war die altengerechte Quartiersentwicklung zum Thema „sich Versorgen“. Hierbei ging es im Verlauf vertiefend um die Aspekte Gesundheit, Mobilität, Einzelhandel & Gaststättengewerbe und Dienstleistung & Handwerk.

Zuerst habe ich am Workshop Gesundheit teilgenommen und war erstaunt: innerhalb kürzester Zeit ging es in der Diskussion um Stadt- und Verkehrsplanung und wie öffentlicher Raum für SeniorInnen gestaltet werden sollte. Dabei saßen weder Stadt- noch Verkehrsplaner im Raum und das eigentliche Thema war Gesundheitsförderung und -versorgung. Bei näherer Betrachtung liegen diese beiden Dinge aber gar nicht so weit auseinander.

Nach der Ottawa-Charta von 1986 ist die Definition der WHO von Gesundheit nicht mehr nur das Fehlen von Krankheit, sondern ein ganzheitlicher Ansatz zur Förderung von Gesundheit. Ein wesentlicher Punkt in diesem Kontext ist die soziale Gesundheit. Das bedeutet, dass wir als soziale Lebewesen, für ein glückliches, gesundes Leben eine gesunde Umwelt, ein soziales Netz, Interaktion und Kommunikation mit anderen Menschen brauchen. Und genau hier geht es mit Stadtplanung los. Denn gerade für ältere Menschen braucht es vor allem auch öffentlichen Raum für genau das: Menschen treffen, mit ihnen Reden, sich austauschen. Plätze, Grünflächen und Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang und das Ganze in unmittelbarer Wohnortnähe, denn häufig sind altersbedingt die Bewegungsradien bei Seniorinnen und Senioren eingeschränkt. Im Workshop zum Thema Mobilität ging es dann später, wenig überraschend, um genau die gleichen Dinge. Es sei hier nur am Rande erwähnt, dass niemand aus den verantwortlichen Ämtern zugegen war.

Wenn man das Ganze jetzt weiter denkt, wie Städte für ältere Menschen aussehen sollten, landet man schnell bei der Erkenntnis, dass ähnliche Prinzipien auch für Kinder gelten. Auch die brauchen öffentlichen Raum zum spielen und begegnen und haben dabei besondere Ansprüche. Und dann gibt es ja auch noch alle dazwischen. Daraus ergibt sich, dass die Frage die wir uns alle stellen sollten  nicht heißt „wie werden wir alt in Münster?“ sondern vielmehr generationenübergreifend: „Wie leben wir in Münster?“

Diese Idee einer generationengerechten Stadt(-planung) ist dabei keinesfalls neu. Die Kampagne 8-80 Cities ist ein Beispiel. Die Botschaft ist so simpel wie trivial: Bau deine Stadt so, dass sie für 8-jährige und 80-jährige gut ist, dann ist sie auch für alle anderen gut.

 

Und hier geht es dann auch nicht mehr nur um Gesundheit, sondern allgemein um Lebensqualität und die Frage warum und wie wir Menschen eigentlich in einer Stadt zusammen leben wollen.

Wenn man sich die Situation vor der eigenen Haustür anguckt, muss man sich erstmal daran gewöhnen, die Stadt mit den Augen eines Kindes oder einer Seniorin zu sehen. Denn als gesunder Mensch mit Ende 20 erfahre ich im Alltag keine großartigen Barrieren und meine Plätze suche ich mir. Wenn man aber darauf achtet, fällt einem Einiges auf.

Stichwort: Sitzgelegenheiten. Rund um die Promenade und an einigen Plätzen gibt es  noch“freie“ Bänke. Auch an attraktiven, viel frequentierten Straßen gibt es ab und an die Möglichkeit sich zu setzen. Immer häufiger sind diese Flächen aber auch durch Gastronomie und damit Konsumzwang erschlossen. Schaut man in die Quartiere, ändert sich die Situation teilweise dramatisch, was aber nicht an fehlenden Plätzen liegt. Ich kenne nicht jedes Viertel in Münster im Detail, mir fallen aber ein paar kleine schöne Quartiersplätze ein, teilweise mit Kinderspielplatz, die vom Viertel aus erreichbar und durchaus attraktiv sind. Das massivste Problem ist hier allerdings, mal wieder, der Verkehr. Denn wenn der Weg zu diesen Plätzen durch zugeparkte Gehwege und Kreuzungsecken für Kinder, Rollatoren, Rollstühle und Kinderwagen zum gefährlichen Hindernislauf wird, hilft die tollste Vierteloase nicht, wenn sie nicht barrierefrei und sicher erreicht werden kann.

Und schon sind wir beim Thema Mobilität. Im zweiten Workshop wurde ebenfalls deutlich, dass es Licht und Schatten gibt. Vor allem der Straßenraum mit den großen Hauptstraßen muss hier in Zukunft neu gestaltet werden. Für einen Senior im Rollator stellt schon eine zweispurige Straße auf der Tempo 50 (in der Realität eher 65km/h) gefahren wird, schon eine unüberwindbare Hürde dar, wenn die nächsten Ampeln 200m in jede Richtung entfernt sind (Für Kinder noch viel mehr). Flächendeckend Tempo 30, mehr und bessere Querungshilfen und ein übersichtlicherer Straßenraum mit weniger parkenden Autos wäre eine Lösung. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel spielen eine wichtige Rolle: Während z.B. die Innenstadt relativ gut mit dem ÖPNV erreichbar ist, sieht es immer schlechter aus, je weiter man in die Außenbezirke geht. Es gibt allerdings gute Ideen um Lücken zu schließen: In Hiltrup-Ost werden sogenannte „Mitfahrbänke“ aufgestellt, die als spontane Mitfahrzentrale zur nächsten Bushaltestelle dienen sollen.  Für zu Fuß gehende wurde an einigen Stellen in der Altstadt das historische Kopfsteinpflaster durch glattes, rollatoren- und kinderwagentaugliches glattes Pflaster getauscht. Trotzdem gibt es aber auch noch zu viele Stellen, wo Kopfsteinpflaster Hürden darstellen, die Wege einschränken oder das erreichen von Zielen unmöglich machen.
Randnotiz zur Mobilität: Unser Carsharinganbieter vor Ort besetzt bewusst noch eine Telefonhotline für die analoge Buchung von Autos und setzt nicht zu 100% auf ein appbasiertes System, mit welchem vor allem ältere Menschen Schwierigkeiten haben könnten. Außerdem wurde angekündigt, die Flotte in Zukunft mit rollstuhlgerechten Fahrzeugen zu erweitern. Hier ist der Gedanke der Generationengerechtigkeit offensichtlich schon angekommen.

Wenn es um die Versorgung in Bezug auf Einzelhandel und Dienstleistungen geht, war der Tenor aller Experten, dass es ein Angebot für den Einkauf der alltäglichen Bedürfnisse in unmittelbarer Wohnortnähe geben muss. Zum Einen, um dem eingeschränkten Bewegungsradius gerade von älteren Menschen Rechnung zu tragen. Zum Anderen aber auch, um den „kleinen Laden um die Ecke“ als Vierteltreffpunkt und Ort des Austauschens zu erhalten. Hier ist mir in Münster tatsächlich kein Angebot bekannt, auf das diese Beschreibung zutreffen würde. Just vor einem halben Jahr hat in meiner Nachbarschaft der kleine Lebensmittelladen geschlossen. Die Konkurrenz durch das große E-Center war zu groß. Wenn man sich dann anguckt, in welche Richtung sich unsere Stadt mit einem Hafencenter entwickelt, kann man nur sagen: Es ist die falsche.

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Zusammenfassend kann man sagen, dass es in Münster, noch öffentlichen Raum gibt, der den Menschen vorbehalten ist. Dieser Raum könnte aber noch viel größer sein bzw. wird aktuell viel zu sehr eingeschränkt oder ist sogar akut bedroht (#Platanenpower): durch parkende und fahrende Autos, die auf so vielfältige Weise unsere Lebensqualität beeinflussen. Aspekte wie Lärm und Luftqualität mal vollkommen außer acht gelassen, stehen die meisten 23 Stunden am Tag rum und verbrauchen dabei sehr sehr viel Platz. Platz der besser genutzt werden könnte. Für Begegnungen, Austausch und Kommunikation. Die Gründe nämlich, warum wir als soziale Lebewesen angefangen haben in Städten zu leben. Das Gute aber ist: Wir können uns diesen Raum nehmen und ihn gestalten. Wir können damit anfangen diesen Raum einzufordern, in dem wir die Baumscheibe vor unserer Haustür bepflanzen oder uns gegen Baumfällungen stellen. Indem wir im Großen Verwaltung und Politik klar machen, dass Stadtplanung sich an den Bürgerinnen und Bürgern orientieren muss und nicht mehr über unsere Köpfe hinweg entschieden werden kann. Indem wir im Kleinen mal wieder die Nachbarn auf der Straße grüßen, eine Bank vor und nicht hinter das Haus stellen und vor allem: miteinander ins Gespräch kommen über das, wie wir uns gutes Leben in der Stadt vorstellen. Egal ob acht, 43 oder 84 Jahre alt.

Ist Münster also generationengerecht? Ich würde sagen, an einigen Stellen ja, an vielen Stellen noch nicht. Außerdem müssen wir aufpassen, dass uns die bestehenden Räume durch investorengesteuerte Stadtplanung nicht kaputt gemacht werden.

Dazu haben sich übrigens viele kluge Menschen schon viele kluge Gedanken gemacht. Hier eine Auswahl:

Buchempfehlung: Jan Gehl – Städte für Menschen

Filmtipp: The Human Scale

The Life-Sized City: